DX Map by HB9VQQ: Propagation auf einen Blick – nicht nur eine weitere Karte

Wer kennt sie nicht, die gefühlt hundertste Propagation-Webseite mit bunten Linien zwischen Kontinenten? Die meisten zeigen entweder reine WSPR-Auswertungen oder trockene Solarwerte – und man muss sich selbst zusammenreimen, ob sich der Gang an den Funkkoffer gerade lohnt. DX Map von HB9VQQ geht einen anderen Weg: Statt einer einzelnen Datenquelle bündelt das Tool gleich vier verschiedene Messverfahren zu einem Gesamtbild – und beantwortet damit die Frage, die uns eigentlich interessiert: Ist die Band gerade offen, und arbeitet da auch wirklich jemand?

Vier Datenquellen, ein Bild

Das Besondere an DX Map ist die Kombination unterschiedlicher Messprinzipien, die sich gegenseitig ergänzen:

  • WSPR (Weak Signal Propagation Reporter): Tausende leistungsschwache Baken weltweit liefern auf 80–10m alle 15 Minuten ein breites Lagebild – ideal, um neue Pfade zu entdecken.
  • NCDXF/IARU-Bakenkette: 18 synchronisierte 100-Watt-Baken liefern eine kalibrierte Referenz für die SSB-Tauglichkeit eines Pfades – realistischer als reine WSPR-Daten, weil die Sendeleistung bekannt und konstant ist.
  • Ionosonden: Bodengebundene Radarstationen messen die Ionosphäre direkt und liefern die MUF(3000) – die maximal nutzbare Frequenz für eine 3000-km-Strecke. Damit sieht man die physikalische Ursache der Ausbreitung, nicht nur ihre Symptome.
  • DX-Cluster (über VE7CC): Echtzeit-Spots zeigen, wo gerade tatsächlich SSB-QSOs laufen – also reale Aktivität von echten Funkamateuren, nicht nur theoretische Öffnung.

Diese Vierfach-Fusion ist der eigentliche Mehrwert gegenüber klassischen Tools wie VOACAP-Vorhersagen oder reinen WSPR-Maps: Man bekommt nicht nur eine Prognose oder eine Momentaufnahme, sondern Theorie (Ionosonde), Messung (WSPR/NCDXF) und gelebte Praxis (Cluster) gleichzeitig.

DX-Index, SSB-Outlook und Band Score – Zahlen statt Bauchgefühl

Statt nur bunte Bögen auf einer Karte zu zeigen, quantifiziert DX Map die Bedingungen:

  • Der DX-Index vergleicht die aktuelle Pfadqualität mit dem statistischen Normalwert für diese Tageszeit. 50 bedeutet „wie erwartet“, ab 70 wird es „exzellent“. Das ist deutlich aussagekräftiger als eine absolute SNR-Zahl, weil man sofort sieht, ob ein Pfad besser als üblich ist – also ob sich ein Versuch gerade besonders lohnt.
  • Der SSB-Outlook schätzt anhand von Skimmer-Anzahl und Signalstärke ein, wie realistisch ein Sprech-QSO ist – von „Strong“ bis „Unlikely“. Wichtig dabei: Ein einzelner Skimmer mit starkem Signal reicht nicht für „Strong“ – das könnte ein lokaler Ausreißer sein, keine belastbare Ausbreitung.
  • Der Band Score (bei NCDXF) kombiniert Signalstärke mit der Anzahl hörender Stationen zu einer einzigen Qualitätskennzahl.
  • Ein Best-Band-Indikator pro Korridor (z. B. EU-NA) zeigt auf einen Blick, welches Band gerade am besten läuft – kein manuelles Durchklicken mehr nötig.

Spots korridorweise gebündelt – die eigentlich relevante Frage

Ein Detail, das im Alltag viel bringt: Die Cluster-Spots werden nicht pfadgenau, sondern korridorweise aggregiert. Arbeitet irgendeine Station in Frankreich gerade die US-Ostküste auf 15m, taucht diese Aktivität auf allen EU-NA-Pfaden auf 15m auf. Das beantwortet die eigentlich relevante Frage – „Geht gerade was zwischen Europa und Nordamerika auf 15m?“ – statt nur die theoretische Verbindung zwischen zwei einzelnen Locator-Feldern zu betrachten.

Grayline, 3D-Globus und 48-Stunden-Rückblick

Für die Pfadplanung gibt es zusätzliche Werkzeuge:

  • Die Grauzone (Grayline) mit Sonnenstand zeigt, wo der Tag-Nacht-Übergang gerade für verstärkte Ausbreitung sorgen kann.
  • Eine MUF-Heatmap interpoliert die Ionosondendaten zu einer globalen Übersichtskarte.
  • Die 3D-Globus-Ansicht macht vor allem Polarpfade und Transpolar-Verbindungen anschaulich, die auf einer flachen Karte stark verzerrt wirken.
  • Mit der History-Playback-Funktion lassen sich die letzten 48 Stunden abspielen – praktisch, um Muster zu erkennen („Wann öffnet 10m typischerweise nach Mitteleuropa?“) oder eine verpasste Öffnung nachträglich zu analysieren.

Dazu kommt ein eingebauter Community-Chat, in dem man sich mit anderen Nutzern in Echtzeit über aktuelle Bedingungen austauschen kann – inklusive Callsign-Validierung und direktem QRZ-Link.

Was bedeutet das konkret für uns als Funkamateure?

  • Weniger Rätselraten, mehr gezieltes Anrufen: Statt auf gut Glück CQ zu rufen, sieht man, welches Band gerade über dem Durchschnitt liegt und ob dort überhaupt SSB-Verkehr stattfindet.
  • Betriebsart-spezifische Tipps: Die Hilfeseite gibt sogar konkrete Schwellwerte – etwa „Index ≥ 80 für zuverlässige SSB-Verbindungen“, während CW schon ab Index 50 gut funktioniert und FT8/FT4 selbst bei „Unlikely“-SSB-Outlook noch Chancen hat.
  • Erkennen offener, aber ungenutzter Bänder: Zeigt der Index eine offene Bahn ohne Cluster-Aktivität, lohnt es sich besonders, selbst zu rufen – man ist dann oft Erster auf einem frisch geöffneten Pfad.
  • Sturmwarnungen einordnen: Bei Kp 5+ zeigt die Karte, dass Polar- und Transatlantikpfade zuerst einbrechen, während äquatoriale Pfade und niedrigere Bänder oft stabil bleiben – wertvoll für die schnelle Bandwahl während einer Störung.
  • Kostenlos, ohne Anmeldung, mit Sharing-Funktion: Wer eine bestimmte Ansicht (Quelle, Korridor, Band, Overlays) mit dem OV teilen möchte, kopiert einfach den Link – alle Einstellungen bleiben erhalten.

DX Map ist kein weiteres hübsches Frontend für WSPR-Daten, sondern ein durchdachtes Werkzeug, das Theorie (Ionosphärenmessung), Messdaten (WSPR/NCDXF) und reale Betriebspraxis (DX-Cluster) zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenführt – inklusive klarer, betriebsart-spezifischer Handlungsempfehlungen. Für unsere Praxis im Shack heißt das: schneller erkennen, wann sich ein Anruf wirklich lohnt, statt minutenlang auf eine offene Band zu hoffen, die es vielleicht gar nicht gibt.

👉 Selbst ausprobieren: dxmap.hb9vqq.ch